Mittwoch, 19.09.2018 04:50 Uhr

DFB-Desaster durch Managementversagen auf breiter Front

Verantwortlicher Autor: Richard J. Flohr Frankfurt/ Main, 04.07.2018, 19:30 Uhr
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Ilkay Gündogan (li.) und Mesut Özil (Mi.) als strahlende PR-Helfer des türkischen Despoten Recep T. Erdogan
Ilkay Gündogan (li.) und Mesut Özil (Mi.) als strahlende PR-Helfer des türkischen Despoten Recep T. Erdogan  Bild: RJF

Frankfurt/ Main [ENA] Vom umjubelten Weltmeister zum ungeliebten schwarzen Schaf in nur 6 Wochen: der sportliche Offenbarungseid der Fußball-Nationalmannschaft ist aber nur die Folge des eklatanten DFB-Führungsversagens und seiner sportlichen Leitung. Die Erdogan-Affäre ist Ausgangs- und Fixpunkt des finalen Niedergangs.

Historisch schlecht verabschiedete sich die deutsche Mannschaft bereits nach der Vorrunde von der laufenden Weltmeisterschaft in Rußland. Da liegt der Reflex nahe, nun jeden einzelnen Spieler ob seiner unterdurchschnittlichen Turnierleistung zu kritisieren. Doch nahezu jeder von ihnen spielt nicht zufällig in Top-Clubs der europäischen Top-Ligen, was für ihr herausragendes individuelles Leistungsvermögen spricht. Wenn diese nun allesamt weder individuell, noch mannschaftlich ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen vermochten, muß sich der Blick auf die dafür verantwortliche Führung richten. Und tatsächlich war der Niedergang des Teams absehbar und läßt sich an groben Managementfehlern nicht nur im sportlichen Bereich festmachen.

Erdogan-Affäre Ausgangs- & Fixpunkt des finalen Niedergangs

Zwangsläufig rückt die Erdogan-Affäre in den Mittelpunkt der Analyse, weil in ihr so viele Fehler gemacht und negative Wirkungen erzielt wurden, ohne bis heute einen wirklichen Abschluß zu finden. Wenige Tage vor Nominierung des vorläufigen WM-Kaders betrieben die türkisch-stämmigen Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan im Rahmen einer dafür inszenierten PR-Veranstaltung in London Wahlkampfhilfe für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: für die werbeträchtigen Fotos überreichten sie ihre signierten Club-Trikots und Gündogan soll eine Widmung „für meinen hoch verehrten Präsidenten“ hinzugefügt haben. - Die deutsche Fan-Szene kochte. Politiker aller Parteien, die breite Medienwelt kritisierte den Vorgang. Der Skandal war geboren.

Doch was ist an dem Verhalten der beiden Spieler eigentlich verwerflich? Daß zwei Länderherzen in ihrer Brust schlagen? Nachvollziehbar. Daß sie Wahlkampfhilfe für einen Politiker betreiben? Gut so. Schließlich freuen wir uns über jeden mündigen Staatsbürger. Doch daß sie einen ausländischen Despoten unterstützen, der deutsche Grundwerte wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Presse- & Berufsfreiheit mit Füßen tritt, ist für die breite Öffentlichkeit nicht hinnehmbar. Genau das scheinen die Spieler, ihr persönliches Management sowie die sportliche und sogar politische Führung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht begriffen zu haben.

Entsprechend mißlangen alle Versuche des Krisenmanagements: Özil äußerte sich bis heute nicht zu dem Vorfall. Gündogan rechtfertigte sich mehrfach öffentlich; eine substantielle Entschuldigung blieb aus. Bundestrainer Joachim Löw, der gerne Spieler am Rande des Kaders mit voller Härte straft (mit Sandro Wagner, Max Kruse und Kevin Kuranyi seien nur einige genannt), zog „zu keinem Zeitpunkt“ irgendwelche Konsequenzen für die beiden Mittelfeld-Strategen in Erwägung. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff wollte die „unglückliche Aktion“ mit einem „internen Gespräch“ für beendet erklären. Entsprechend wetterte er dann öffentlich gegen Fans und Medien, die seinem Dekret nicht folgen wollen - dafür entschuldigte er sich inzwischen.

Und DFB-Präsident Reinhard Grindel offenbarte auch hier seine entschlossene Rat- und Ahnungslosigkeit: erst hart in der Sache, dann väterlich verständnisvoll. Zuletzt machte er „gesellschaftliche Verwerfungen“ für den Skandal verantwortlich und beklagte sich bei Medien, dort keine alternativen Handlungsoptionen gefunden zu haben. Dabei lag die angemessene Reaktion auf der Hand: entweder die Spieler wechseln sofort ihr gemeinsames Management, das den Erdogan-Auftritt für sie organisiert haben soll, und verurteilen öffentlich die Mißachtung demokratisch-rechtsstaatlicher Werte durch Erdogan in der Türkei, oder sie werden nicht für die Weltmeisterschaft (WM) nominiert. Ein solches Bekenntnis wäre klar und entschlossen im Sinne des DFB gewesen.

Führungsschwäche und -fehler ebnen sportliches Versagen

So aber überschattete die Affäre die gesamte Vorbereitung und das WM-Turnier: eine Konzentration auf’s Sportliche gelang nicht. Eine WM-Begeisterung, wie bei den vergangenen Turnieren, wollte sich in der Bevölkerung nicht einstellen und selbst in der Mannschaft baute sich kein Wir-Gefühl auf. Stattdessen sollen sich Grüppchen gebildet und die Autorität des Trainers gelitten haben. Zerwürfnisse im Stab über die Auswahl des WM-Quartiers in Vatutinki waren unüberhörbar. Der kritische Geist, wie ihn Hansi Flick einst im Trainerstab verkörperte, und damit die Entwicklung des Teams vorantrieb, ist offensichtlich einer Wohlfühloase der Selbstzufriedenheit gewichen: keine Leitidee, keine Alternativen im Spiel erkennbar.

Da paßt es schließlich ins Bild, daß Mitarbeiter sport-ferner DFB-Fachabteilungen sich auf der Spielerbank tummeln und nach dem Schweden-Spiel sogar den unterlegenen gegnerischen Trainer und Stab öffentlichkeitswirksam provozierten. Konsequenzen der DFB-Führung? Fehlanzeige. Mit viel Akribie hat sich der DFB und „die Mannschaft“ in den vergangenen Jahren als gesamt-gesellschaftliches Aushängeschild positioniert: fair, vielfältig, erfolgsorientiert, verantwortlich. Nun werden sie von ihren Gegnern als „unsportlich“ (Schweden), „arrogant“ (Südkorea) und „überfordert“ (Mexiko) wahrgenommen. Die Öffentlichkeit verlangt nach Bekenntnissen zu Werten und gegenüber dem Land - vergeblich.

Orientierungslos und überfordert: DFB-Präsident Reinhard Grindel

So verwundert es nicht, daß schon vor der WM die Verträge mit dem Trainerstab ohne Not bis 2022 verlängert wurden. Nun durfte sich Löw selbst entscheiden, ob er auch nach dem von ihm zu verantwortenden historischen Debakel bleiben möchte - selbstverständlich noch vor der eingeforderten sportlichen Analyse. Im DFB geht es d’runter und d’rüber. Grindel, der bei jedem Auftritt stets den Eindruck eines stolzen Entleins vermittelt, dem man versprochen hat, ihn auf einem Gewässer auszusetzen und dann plötzlich erkennt, daß es sich dabei nicht um den Dorfteich, sondern das große, offene Meer handelt, ist mit seiner Führungsaufgabe scheinbar deutlich überfordert.

Was muß nun geschehen?

Der DFB braucht jetzt einen sichtbaren und glaubhaften Umbruch: Dieser muß an der Spitze beginnen. Im größten Sportfachverband der Welt sollte sich ein Präsident vom Kaliber eines Dr. Reinhard Rauball finden lassen, der als 1. Vizepräsident schon vor der WM auf den absehbaren Schaden hinwies und in seinem Heimatverein bereits mehrfach bewiesen hat, ein sinkendes Schiff wieder flott machen zu können.

Bei allen Verdiensten um Organisation und Vermarktung der Nationalmannschaft muß sich Oliver Bierhoff seiner Verantwortung stellen: Erdogan-Affäre, Mitarbeiter-Entgleisungen, Vatutinki, fehlende sportliche Kontrolle und seine Selbstherrlichkeit im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit sind eine Bürde, die in Breite und Wucht von ihm selbst kaum noch zu beseitigen ist. Hier bedarf es eines hungrigen, bedingungslos erfolgsorientierten Neu-Denkers vom Schlage eines Oliver Kahn, Matthias Sammer oder Philipp Lahm.

Kraft und Wille zum Neuanfang? Bundestrainer Joachim Löw

Wenn man es einem der Verantwortlichen für das erlebte Fiasko zutrauen kann, sich nochmal völlig neu zu erfinden und alles, auch sich selbst in Frage und auf den Prüfstand zu stellen, dann ist dies sicher Joachim Löw. Doch hat er dazu Kraft und Willen? Ein glaubwürdiges Zeichen hierfür wäre sicher, wenn er selbst seine Agentur wechselt und damit seine persönliche Unabhängigkeit belegt: diese ist nämlich Urheber der Erdogan-Affäre, vertritt sie eben nicht nur seine Spieler Özil und Gündogan. In ihr wirken auch Özils Bruder Mutlu sowie Gündogans Onkel Ilhan an verantwortlicher Stelle. Letzterer ist dort auch zuständig für „Team Germany“ - ein Umstand, der Bierhoffs Nachfolger hinsichtlich notwendiger Entflechtungen interessieren sollte.

Sollten Kraft und Wille für einen wirklichen Neuanfang bei Löw fehlen, stellt sich die dringende Frage, wer folgt. Und hier gibt es, obwohl deutsche Spitzentrainer langfristig im Ausland gebunden sind, einige verfügbare Vertreter, die einen Neuanfang mit hinreichender Radikalität und Autorität versprechen: Matthias Sammer, dessen bedingungsloser Erfolgswille ebenso wenig in Zweifel steht wie der des letzten deutschen Weltfußballers, Lothar Matthäus, der sich persönlich vor Jahren neu erfunden hat. Horst Hrubesch könnte eine sanfte Übergangslösung für ein paar Jahre sein. Arsene Wenger würde neue Impulse des Offensivfußballs setzen, Luis Enrique den Ballbesitzfußball vervollkommnen und Zinedine Zidane eine weitere Erfolgssprosse erklimmen.

Beim Confed-Cup-Sieg haben im letzten Jahr viele junge Spieler bewiesen, daß sie höchsten Ansprüchen genügen können. Und das Reservoir an gut ausgebildeten Kickern, die den Nachwuchsleistungszentren in Deutschland entspringen, ist nach wie vor groß. Diesen Schatz gilt es nun wieder zu heben.

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