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Ourika – eine Sklavin in Paris

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Paris, 23.09.2026, 11:48 Uhr
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Buch im Original 1824, Buch 2024, Buch in Deutsch 1824
Buch im Original 1824, Buch 2024, Buch in Deutsch 1824  Bild: Kurt Lehberger (Fotomontage)

Paris [ENA] Ourika wurde in Sengal im Jahr 1784 geboren. Als 2-jährige kam sie 1786 nach Paris. Sie verstarb am 27.01.1799 als 16-jährige. Am 21.01.1793 wurde Louis XVI hingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt war sie neun Jahre alt und hat sicher dieses Ereignis miterlebt, auch wenn sie nicht unmittelbar dabei war.

Eigentümer von Ourika war der Chevalier de Boufflers. Er gehörte zum liberalen Voltaire-Kreis an und war Gouverneur von Senegal in den Jahren 1786 bis 1787. Ourika wude von ihm an den Marechal de Beauvau in 1786 verschenkt. Die Geschichte von Ourika wurde durch den Roman „Ourika“ von Claire de Duras bekannt. Duras Geschichte basiert auf einigen wenigen historischen Fakten. Dura war eine enge Freundin von François-René de Chateaubriand. Das Vermögen seiner Familie stammte vollständig vom Sklavenhandel.

Chevalier de Boufflers verkaufte 100 Sklaven in Saint-Domique (Haiti) bevor er nach Paris segelte. Trotz der Sklavenabschaffungsbewegung war es eine Art Fetisch für den Chevalier „la petite negress“ als Geschenk zu erhalten und wieder weiter zu verschenken. Er sah keine Bedenken, hatte keine Skrupel, empfand keine moralischen Hemmnisse, das zu tun. Wie in dem Roman wird das Menschenkind Ourika wie ein Haustier angesehen, wie ein Tier, wie ein Ding, das man kaufen, verkaufen oder verschenken kann.

Die Zeit der Aufklärung führte dazu, das Verhalten zu verurteilen, da es im Widerspruch eines Edelmannes und eines Ästheten stehe. Doch nach der Revolution unter Napoleon war die Sklaverei wieder erlaubt und die konservativen Adelsfamilien fielen oft wieder in ihrem Verhalten gegenüber den Sklaven zurück. Die Sklavenwirtschaft prägte die französische Gesellschaft. Die Regierungsstellen in den Kolonien bezahlten nicht in Geld, sondern in Naturalien, Holz, Gummi und in Sklaven.

In den Jahren 1786 -1790 war der Sklavenhandel auf seiner höchsten Stufe. In der Konkurrenz zu Großbritannien und Portugal hatte Frankreich die meisten Sklaven in diesen fünf Jahren. Hier ein paar Zahlen: 1990: 51 Tausend (Frankreich), 27 Tausend (Großbritannien) und 5 Tausend (Portugal). Insgesamt von 1781 bis 1790: 266 Tausend (Frankreich), 278 Tausend (Großbritannien) und 107 Tausend (Portugal). Die meisten Sklaven wurden auf den Zuckerplantagen in der Karibik eingesetzt. So liefen im Jahr 1789 ca. 90 Schiffe mit Sklaven*innen aus Mozambique, Indien, Madagaskar, Macarenas Inseln in Bordeaux ein.

Der Roman ist mehr Fiktion als Darstellung der Wirklichkeit. Ourika eher eine Erfindung als eine reale Person. Der Roman zeigt keine Sympathie und Mitgefühl für Ourika, das farbige Kind aus Afrika, das in Paris in der Adelsfamilie de Beauvau lebt. Es ist die Selbstliebe der Autorin, die sich in der fiktiven Geschichte zeigt. Der Roman ist größtenteils in der Ich-Form geschrieben. Wie kann eine Sklavenhalterin sich anmaßen, die Sprache des Kindes zu simulieren? Der Roman enthält keine politische Botschaft. Die Natur ist die Gesellschaft, alles wird als natürlich hingenommen. Ourika wird vernichtet, sie stirbt früh, sie hatte in den Sklavenverhältnissen nie eine Zukunft.

Das im Roman erweckte Mitleid mit Ourika bleibt ohne Konsequenz. Nichts wird in Frage gestellt. Der Sklave bleibt Sklave des Herren oder der Madame. Es folgen Auszüge aus dem Roman "Ourika" von Claire de Duras, 1823. Die deutsche Übersetzung wurde genutzt: Duras, Claire de Durfort de: Urika, die Negerin. Übers. v. [Ehrenfried Stöber]. Frankfurt (Main), 1824. „Herr von B. [de Boufflers] kaufte mich, und bei seiner Ankunft in Frankreich, übergab er mich der Marschallin von B. [de Beauvau], seine Tante und die liebenswürdigste Frau ihrer Zeit, welche die erhabensten Eigenschaften mit der führendsten Güte zu verbinden wusste. … „Mich aus der Sklaverei zu retten, mir Frau von B. zur Wohltäterin zu geben, hieß mir zweimal das Leben schenken.“

Ourika wurde in der Adelsfamilie gefördert. „Sie wollte, daß ich alle Talente besitzen sollte. Ich hatte eine gute Stimme; die geschicktesten Meister bildeten sie aus. Ich fand Geschmack an der Malerei; ein berühmter Maler und Freund der Frau von B. leitete meine Versuche. Ich lernte Englisch, Französisch, und Frau von B. bekümmerte sich selbst um meine Lektüre. Sie leitete meinen Verstand, und bildete meine Urteilskraft aus.“

Ourika bekommt ungewollt ein Gespräch über sie mit. Die Marquise Madame von B: „Ich liebe sie, als wenn sie meine Tochter wäre, und werde alles tun, um sie glücklich zu machen, und dennoch wenn ich über ihre Lage nachdenke, so finde ich, daß solche ohne Rettung ist. Arme Urika! Ich sehe sie allein, ich sehe sie verlassen stehen, für ihr ganzes Leben." Dieses Erlebnis wird von Ourika bewertet: „Ich sah alles; sah mich als Negerin, abhängig, verschmäht, ohne Vermögen, ohne Stütze, ohne ein Wesen meiner Art, an welches ich mein Schicksal knüpfen könne; bis jetzt ein Spielzeug, zur Unterhaltung meiner Wohltäterin, bald aber von einer Welt zurückgestoßen, für welche ich nicht gemacht war.“

Die Hoffnungslosigkeit zeigt sich in der „naturgegebenen“ Situation, wie sie die Marquise beschreibt: „Allein sie vermag nichts gegen diejenigen Übel, welche aus Überschreitung der Ordnung entspringen, welche die Natur vorgeschrieben hat. … Sie hat sich ohne Erlaubnis in die Gesellschaft gedrängt; die Gesellschaft wird sich an ihr rächen." Ourika erlebt die Diskussion in den Zeiten der Aufklärung und erkennt die falsche Philanthropie in der Adelsfamilie, die aufgeklärt sein möchte, doch für sie „noch viel der Verachtung übrigblieb.“

Das Bedürfnis der Gerechtigkeit war mit dem Fortschreitt der Revoltuin noch stärker geworden. Der König wird 1793 enthauptet. „… der Tag, an welchem die Tugend und die Wahrheit triumphiere, würde ein Tag des Triumphs für mich und sie sein; allein ach! dieser Tag war noch sehr ferne.“ Die Marquise von B. flüchtete mit Ourika in das Kloster St. Germain. Während der Schreckenszeit bekennt sie: „ich fühlte mich überdies nicht mehr allein, seitdem alles um mich herum unglücklich war.“ Die Marquise von B. Frau kam nicht ins Gefängnis. Sie wurde wegen ihrer schlechten Gesundheit in ihrem Haus bewacht. Nach dem Tod Robespierres wurden die Wachen abgezogen.

Ourika verleibt sich in Karl, dem Sohn von der Marquise. Sie schwärmte für ihn und sie leibe ihn und war überzeugt, dass Karl besaß „die zwei schönen Leidenschaften seines Alters, nämlich: Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit“ besäße. Ourika erlebt ihre die Verschlechterung ihres Zustandes: „Es ist etwas Demütigendes, wenn es einem selbst widerstrebt, sich der Notwendigkeit zu unterwerfen; auch nehmen diese Schmerzen, wenn sie sich der Seele bemächtigen, alle den Charakter der Verzweiflung an.“

Die verstärkte Seelenunruhe von Ourika hatte auch historische Gründe: „Gegen das Ende des Jahres 1795 war die Schreckenszeit vorüber, und man fing an, sich wieder zu finden. Die Trümmer der Gesellschaft der Frau von B. vereinigten sich wieder um sie. Mit Schmerzen sah ich den Kreis ihrer Freunde sich erweitern. Meine Stellung in dieser Welt war so misslich, dass, je mehr die Gesellschaft in ihre natürliche Ordnung zurückkehrte, ich mich desto mehr daraus verstoßen fand. So oft ich neue Personen bei Frau von B. eintreten sah, empfand ich eine neue Qual.“

Die Liebe zu Karl wurde zerstört mit der Bekanntgabe der Heirat Karls mit Madame von Themines, die „vereinigte alle Vorzüge der Geburt, des Vermögens und der Erziehung in sich. … Sie war sechzehn Jahre alt, und schön wie der Tag.“ Ourika wird verlassen. Sie ist nun im Kloster allein. „Ich sprach nicht, ich gab fast kein Lebenszeichen von mir, nur der einzige Gedanke schwebte mir klar vor: ich will sterben.“ Sie hört auf zu essen und wird immer schwächer. „Meine Traurigkeit nahm mit jedem Tage zu.“

Die Autorin: „welches Schauspiel für eine Unglückliche, die bestimmt war, ihr trauriges Leben in der Abgeschiedenheit hinzubringen zu sterben, ohne geliebt worden zu sein, ohne andere Bande kennen gelernt zu haben als diejenigen der Abhängigkeit und des Mitleidens.“ Ourika spricht zu Marquise von B. kurz vor ihrem Tod: „meine Lage und meine Farbe sind mein einziges Unglück“. Sie stirbt Ende Oktobers in den Armen des Pfarrers, der ihre Lebensgeschichte anhörte. „Sie fiel mit den letzten Blättern des Herbstes.“

Weitere Quelle: Slaves in Paris: Hidden Lives and Fugitive Histories (Sklaven in Paris: Verborgene Leben und Geschichten von Flüchtlingen), englisch Ausgabe von Miranda Spieler, Harvard University Press, 11. Juli 2025. Insbesondere das Kapitel "Ourika" auf den Seiten 130 - 163. Sprache Englisch.

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