Dienstag, 27.10.2026 19:31 Uhr

Besuch bei der Privatkellerei Willy in Nordheim

Verantwortlicher Autor: Rainer Welker Nordheim, 27.10.2026, 16:10 Uhr
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Nordheim [ENA] Die Privatkellerei Rolf Willy ist längst mehr als eine klassische Weinkellerei. Das Nordheimer Familienunternehmen arbeitet mit zahlreichen Weinbaubetrieben zusammen und verfügt über eine Rebfläche von inzwischen rund 265 Hektar. Rund 180 Winzer arbeiten nach Angaben des Unternehmens eng mit den Willys zusammen. Über 120 verschiedene Weine und Sekte umfasst das heutige Sortiment.

Beeindruckend ist, was man nicht im Prospekt findet. Besonders eindrucksvoll war die Betriebsbesichtigung am dritten Tag. Günter Willy nahm sich persönlich die Zeit, meine Frau und mich durch den Betrieb zu führen und Einblicke in die Abläufe zu geben. Was dabei auffällt, ist zunächst etwas ganz Unspektakuläres: Sauberkeit. Selten sieht man einen Weinbaubetrieb dieser Größenordnung, in dem Keller, Produktionsbereiche und Arbeitsflächen derart gepflegt wirken. Und das ausgerechnet während der Weinlese.

Wo andernorts während der Ernte naturgemäß Traubenreste, Trester und Spuren des Tagesgeschäfts zu finden sind, präsentiert sich bei Willy selbst der Traubenannahmebereich am Ende des Arbeitstages wieder nahezu makellos. Hier scheint Sauberkeit nicht nur eine Frage des äußeren Erscheinungsbildes zu sein, sondern Teil der Betriebskultur. Und diese Konsequenz setzt sich fort. Die Verkostungen der vergangenen drei Tage zeigten ein Sortiment mit einer bemerkenswerten Bandbreite. Vom unkomplizierten Wein für den täglichen Genuss bis zu anspruchsvolleren Tropfen reicht das Angebot. Was dabei besonders auffällt: Die Weine bewegen sich durch die Bank auf einem guten bis außergewöhnlichen Niveau.

Der Kunde ist König – auch bei zwei Flaschen. Vielleicht aber erlebt man den Charakter eines Unternehmens nicht im Keller, sondern dort, wo Kunden und Mitarbeiter unmittelbar aufeinandertreffen: in der Probierstube. Wer dort einige Zeit sitzt, bekommt nebenbei manches mit. Günter Willy selbst taucht immer wieder an der Probiertheke auf. Und dort spielt es offenbar keine Rolle, ob jemand mit einer großen Bestellung kommt oder nur eine kleine Bitte hat.

Da stehen beispielsweise Wohnmobilfahrer, die gerne ein Viertel Wein trinken möchten. Eine Kleinigkeit eigentlich – und doch erklärt der Chef eines Unternehmens dieser Größenordnung geduldig, dass es keinen offenen Ausschank gibt. Einen ordentlichen Probierschluck könne man ihnen aber selbstverständlich einschenken. Wenig später kommt ein Ehepaar, das zu Fuß unterwegs ist. Die beiden interessieren sich für zwei Flaschen Wein. Kaufen möchten sie allerdings erst in zwei Tagen, wenn sie wieder vorbeikommen. Was macht der Geschäftsführer?

Er schreibt ihnen kurzerhand die Telefonnummer auf einen Zettel und sagt sinngemäß: „Melden Sie sich, wenn Sie wiederkommen.“ Zwei Flaschen. Bei einem Unternehmen dieser Größenordnung könnte man darüber hinweggehen. Man könnte den Kunden an den Verkauf verweisen oder die Sache einfach mit einem freundlichen „Kommen Sie dann wieder“ erledigen. Bei Willy’s wird daraus eine persönliche Angelegenheit. Und genau solche kleinen Szenen bleiben nach drei Tagen vielleicht stärker in Erinnerung als die eine oder andere besonders gute Weinprobe.

Größe ohne Distanz. Die Privatkellerei Rolf Willy ist ein großes Unternehmen. Die Dimensionen sind beeindruckend, die Produktionsabläufe professionell, das Sortiment umfangreich und die wirtschaftliche Bedeutung entsprechend. Gleichzeitig entsteht beim Besuch nicht der Eindruck eines anonymen Weinproduzenten. Die Geschichte des Hauses ist eng mit der Familie Willy verbunden. Aus der Küferei des Großvaters, der nebenbei aus der Pfalz stammt, entwickelte sich über Jahrzehnte eine moderne Privatkellerei. Heute führen die Brüder Jürgen, Günter und Holger Willy das Unternehmen gemeinsam in die nächste Generation.

Tradition und moderne Weinwirtschaft stehen dabei offensichtlich nicht im Widerspruch. Das zeigt sich auch bei den alkoholfreien Produkten. Mit selbst entalkoholisierten Weinen und Sekten hat das Unternehmen einen Bereich aufgebaut, der heute selbstverständlich zum Sortiment gehört. Ein alkoholfreies Produkt von Rolf Willy wurde bei der DLG-Bundesweinprämierung 2025 sogar als „Bester alkoholfreier Wein“ ausgezeichnet.

Eine Vortour, die Lust auf mehr macht. Für mich als Organisator der Weinreise war dieser dreitägige Besuch deshalb weit mehr als eine reine Vorbereitung auf eine Reise. Es war ein Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens, das Wein in einer Größenordnung von deutlich über 2 Millionen produziert und vermarktet, die mit einer kleinen klassischen Weinprobe kaum noch vergleichbar ist – und dabei trotzdem erstaunlich nah am Kunden geblieben ist.

Über 100 Weine und Sekte in drei Tagen zu verkosten, ist eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Dafür ist die Auswahl schlicht zu groß. Aber vielleicht ist genau das ein gutes Zeichen. Denn nach drei Tagen bei Willy bleibt nicht das Gefühl zurück, nun alles gesehen und probiert zu haben. Sondern eher der Gedanke: Da muss ich unbedingt nochmal hin.

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