Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - Karl Schlögel
Frankfurt am Main [ENA] Karl Schlögel erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahr 2025, weil er uns die Menschen in Osteuropa durch seine Bücher nahegebracht habe. Er habe Vorurteile korrigiert, Neugierde geweckt und unseren Blick gegenüber dem Osten erweitert.
Karl Schlögel sagte dazu, dass er das Prestige dieses Preises kenne und er freue sich über den Preis in einer Zeit, in der er fast an den Rand der eigenen Urteilskraft komme. In einer Zeit, wenn man nicht weiß, was am nächsten Tag komme. z.B. die glückliche Entscheidung, dem Friedensplan in Gaza zuzustimmen, so dass nun die Waffen schweigen. Als Historiker beschäftige er sich mit der Ukraine, doch Geschichte wiederhole sich nicht, es gäbe keine Blaupausen, kein Rezept darüber, wie der Krieg zu Ende gehen könne. Die Friedensforschung befasst sich damit, Wege zu finden, um aus dem Krieg herauszufinden. Die Geschichte lehre uns, dass nach einem Waffenstillstand die Heilungsvorgänge sehr lange dauern können, manchmal über Generationen.
Wir müssten Wege beschreiten, die Realitätsbezug haben. Nach dem Treffen in Alaska hat Putin mit heftigen Bombardements auf die ukrainischen Städte geantwortet. Trump hatte ihn in das internationale Gespräch zurückgebracht. Einen Diktatfrieden oder ein Unterwerfungsfrieden für die Ukraine sei keine Lösung. Zum Thema Wehrpflicht in Deutschland: er habe in den 70er Jahren den Kriegsdienst verweigert und Zivildienst in einer Bonner Universitätsklinik geleistet. Er sei auch in den 60er und 70er Jahren - in den Zeiten des Vietnamkrieges - kein Pazifist gewesen. Er glaube an das Recht auf Selbstverteidigung. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland in einer Zeit in der der Krieg in Europa seit 2014 zurück ist, sei realistisch.
Der letzte große Auftritt von Putin, wo er über vier Stunden gesprochen hat, zeige deutlich, dass von ihm eine klare Bedrohung ausgehe, dass er einen Bruch des nuklearen Tabus vollzieht. Er habe die Europäer verhöhnt. Als Drohnen über München und Kopenhagen flogen, habe er sich über die Deutschen lustig gemacht, weil sie sich in Panik und Hysterie trieben ließen. Putin sehe die Europäer als die Hauptgegner während er mit Trump und den USA auskommen werde. Das Treffen in Alaska mit Trump habe der Festigung seiner Macht genutzt. Putin sei ein Meister der Eskalation, er sei der Meisterchoreograf in den Medien, ihm gelänge durch die Ausnutzung der medialen Situation die Einflussnahme in dem politischen Raum.
Karl Schlögel sieht seine Verantwortung als Historiker vor Ort zu gehen und eine angemessene Sprache für die Ereignisse zu finden. Das wird immer schwieriger, es gebe Situationen, wo die Sprache versage. Die Protokolle der Gegenwart kommen von Schriftsteller*innen und Dichter*innen, die über die Kraft verfügen, das in Sprache zu fassen, was er selbst nicht ausdrücken könne. Mit was haben wir es zu tun, angesichts der Bedrohung und der Selbstbehauptung? Die begriffliche Klärung falle ihm schwer. Er habe die Literatur der deutschen Exilanten dazu wieder analysiert, beispielsweise Die Zeitschrift für Sozialforschung, die Max Horkheimer, Theodor W. Adorno u.a. im Exil (1933 – 1941) herausgaben.
Das derzeitige System und die Mechanismen in Russland zeigen eine Neuartigkeit und die Entwicklung lasse sich nicht aus der Geschichte ableiten. Deshalb spreche er von Putinismus. Putinismus und Trumpismus seien neue Phänomene. Die Selbstreflexion ist in Gang gekommen. Das sei ein Zeichen der Stärke. Er sehe seine Verantwortung als Historiker, Soziologe, Beobachter und als Zeitgenosse in der analytischen Arbeit. Wir müssten die Arbeit machen, so wie dies Ernst Fraenkel oder Hannah Arendt getan haben. Hier sehe man auch, wie schnell man an die Grenzen komme.
Wir befänden uns in einer Vorkriegssituation oder in einer Zwischenkriegszeit. Noch 1989 hatten wir die Perspektive, den Krieg hinter uns zu lassen. Der Krieg in Europa hat begonnen (Jugoslawien, Krim, Ukraine). Putinismus: Im offiziellen medialen Raum in Russland, der auf höchstem Niveau kontrolliert werde, gäbe es keine Debatten über den Krieg. Selbst das Wort Krieg sei verboten und es werde nur über die Spezialoperation gesprochen. Trotzdem sei der Krieg ein Punkt der Spaltung. Familienbeziehungen können daran brechen. Man meide das Gespräch darüber.
Heute sind 1,5 bis über 2 Millionen Russen*innen im Exil. Das erinnert an die Zeiten der Oktoberrevolution in den 1920er in Russland. Sie sind in Berlin, Riga, Tiflis, Prag, Istanbul, Paris usw. und gut vernetzt. Demnächst gebe es einen Kongress in Berlin. Man dürfe sich keinen Illusionen hingeben. Die Sache werde in Russland entschieden und nicht von den russischen Exilanten im Ausland. Exilanten leben in einer prekären Situation. Alles verlassen zu müssen, alles verloren zu haben und sich eine neue Existenz aufbauen zu müssen, sei sehr schwierig. Elementare Dinge des Alltags funktionieren nicht mehr.
Diese Situation verdiene unseren Schutz und unsere Unterstützung. Eine Anti-Kriegsbewegung könne nur außerhalb Russlands stattfinden. Über Putin gebe es viele Anekdoten von investigativen Journalisten. Für Karl Schlögel, der als Historiker eine marxistisch, sozialwissenschaftlich Herangehensweise anwendet, stelle sich die Frage, welche Rolle spielt ein Individuum in der Geschichte? Er interessiere sich stärker für die Frage: Wie tickt die Gesellschaft? Doch viele Faktoren bestimmen die Geschichte - und wir wissen heute nicht, wie die Figur Putin enden wird... Die Aufarbeitung von Geschichtsphasen und die Rolle von Figuren sind Thema seiner Auseinandersetzungen. Er habe daher den Begriff " Putinismus" gewählt.
Karl Schlögel spricht sich für die weitere militärische und gesellschaftliche Unterstützung der Ukraine aus. Er befürwortet ebenso das Außerkraftsetzen der Angriffsbasen in Russland. Die Zerstörung der militärischen Kapazitäten der Russen sei nicht auf die Zivilgesellschaft gerichtet und daher legitim. Quelle: Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse am 17.10.2025




















































