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IFA Berlin 2023 - Hausgeräte

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 14.09.2023, 21:23 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 9324x gelesen

München [ENA] Die IFA suchte die Konsolidierung nach den Corona-Unterbrechungen fortzusetzen und beseitigte einige bisherige Selbstverständlichkeiten, den IFA+Summit und die Automobilkonferenz Shift-Mobility. Die neue Messeleitung konnte angesichts von Umsatzrückgängen in vielen Branchen über die Weiße Ware als vergleichsweise stabilem Umsatzträger froh sein. Eine Markterholung ist erst in Sicht.

Daß die Hausgerätehersteller "Nachhaltigkeit" propagieren würden, war zu befürchten gewesen. Tatsächlich suchten sie einander darin geradezu zu übertrumpfen. Allenthalben Grünzeug, (nachgemachte) Natur, gelegentlich ein virtueller Wasserfall, Vogelgezwitscher. Auch zu einem - recht lieblos aussehenden und wenig besuchten - "Nachhaltigkeitsdorf", neudeutsch natürlich "Sustainability village", sah sich die Messeleitung veranlaßt, einige Holzhütten, in denen u.a. "vertical farming" betrieben wurde.

Der grüne Zeitgeist

LG stellte auf dem eigenen Stand unter der Überschrift "Smart Cottage" gleich ein ganzes Fertighaus auf, das selbstverständlich die Nachhaltigkeit in Vollendung verkörperte und zweifellos die komplette Produktlinie des Herstellers in Haustechnik, Wärmepumpen, Stromspeicher, Wallbox, IoT für die Innenräume und natürlich jedwede Unterhaltungselektronik enthielt. Siemens zeigte "Gardens of Intelligence", Miele bestückte das erwähnte Nachhaltigkeitsdorf mit der Installation "just use the eco house", VDE, ZVEH und ZVEI mit dem "House of Smart Living", Bosch brachte eine "Green Collection" heraus, Beko/Grundig und AEG waren ebenfalls nur grün unterwegs.

In den neuen Geräten wurde die Ambivalenz des ökologischen Fortschritts indes greifbar - man könnte auch sagen: die Heuchelei. Selbstverständlich werden immer neue Sparrekorde ausgerufen, doch ehrlicherweise mußte man auch zugeben, daß all die gepriesenen "Eco-"Programme von den Gerätebesitzern kaum genutzt werden. In einer von Miele zitierten Studie sind es lediglich 11 %.

Mit der entsprechenden Präferenzbekundung - in der Miele-Studie 86% - und dem Kauf des teuren Gerätes glaubt man wohl, seine ökologische Pflicht getan zu haben; auch noch danach zu handeln, das wäre aber zuviel verlangt. A. Dehmel, GfK, erwähnte in der AEG-Pressekonferenz, daß nur 10 % der Nutzer die Waschtemperatur auf 30 % senkten, eine ganz einfache Option, die es schon seit Jahrzehnten ohne technischen Aufwand gibt.

Die Hersteller sind ebenso "aufgestellt", wie man heute zu sagen pflegt. Ungeachtet des Ringens um noch ein paar Prozent Ressourcenreduktion betreibt man fröhlich die Expansion von Volumina und Nutzungsgelegenheiten, die sich selbstverständlich in Mehrverbrauch äußert. Die bisherigen Großkühlschränke und Gefrierkombinationen genügen nicht mehr. Siemens propagiert 75 cm als neue Gerätebreite und hat dafür auch schon die Möbelbranche mit ins Boot geholt. Die Höhe steigt auf 194 cm.

Daß solche Megalomanie auch nicht unbedingt mit den aufgrund der zunehmenden Wohnungsnot enger werdenden Wohnverhältnissen verträglich sein dürfte, spielt offenbar keine Rolle. Wir sehen die gleiche Entwicklung auf den Straßen, wo trotz deren systematischer Verengung und Verstopfung immer mehr großvolumige SUVs unterwegs sind. Auch die von Bosch gezeigten und augenscheinlich von einer delirierenden KI erzeugten Phantasmen einer Gerätesymbiose mit der - selbstredend "unberührten" -Natur ähneln unübersehbar den stets solitär durch eine unberührte Landschaft dahingleitenden Fahrzeugen in der Automobilwerbung.

Vernetzter Haushalt

Vergleichsweise wenig Aufwand braucht die Intensivierung der digitalen Vernetzung, die seit Jahren auf dem Programm steht und jetzt bis zum betreuten Kochen gediehen ist. Man braucht keinerlei Kenntnisse über Lebensmittel, ihre Inhaltsstoffe, Kombinierbarkeit, Zubereitungsart etc. mehr zu haben. Was in der allgemeinen IT die Gesichtserkennung ist, wird nunmehr im Herd mit Hilfe der KI die Gerichterkennung. Hauptsache der Herd erkennt den Braten. Bei Siemens werden derzeit 40 Gerichte erkannt.

Man hätte die Deklaration der Gerichte eigentlich auch dem Benutzer - per Eingabe mit der "App" - überlassen können, aber sicherlich kann die KI auch Menge, Volumen und Alter des Fleisches messen und beurteilen. Die allenthalben vordringende Kuratierung des Lebens durch digitale Infrastrukturen und Prozesse läßt sich hier ohne weiteres mit der Tendenz des Zeitgeistes zur Ernährungsdiktatur verbinden. Insofern können die Hersteller bei Bedarf auch leicht auf eine weltanschauliche Unterfütterung ihrer technisch hochgezüchteten Gerätschaften zurückgreifen.

Outdoor-Eskapaden

Daß auch ein Solar-Anbieter wie Jackery einen "GreenTech Lifestyle" propagiert, paßt genau ins Bild, auch wenn das Produkt für sich genommen tatsächlich grün ist. Die lebensweltliche Einbettung dieser Technik ist jedoch ganz konträr zu den hierzulande damit verbundenen Assoziationen. Die mit billiger Energie luxuriös versorgten Amerikaner brauchen die Solarinfrastruktur für ihre - selbstverständlich automobilen - Ausflüge im Geländewagen in ebendieses Gelände, wo das Abenteuer wartet. Sie tragen also die Zivilisation offensiv, egoistisch und narzißtisch in die Natur. Demgegenüber will der deutsche grüne Zeitgeist die Zivilisation in Natur zurückbauen, der menschlichen Zivilisation also das Lebensrecht absprechen.

Ein ähnliches transatlantisches Mißverständnis zelebrierte Aiper, wo man mit einer peinlich albernen Bühnenshow das Motto "Bring vacation home" illustrieren wollte, das hier in der automatischen, d.h. heute: KI-gestützten Reinigung des eigenen Swimming-Pools durch Roboter bestehen sollte. Daß hierzulande sich die Wohnverhältnisse massiv verschlechtert haben, ein Eigenheimbau für die meisten unerschwinglich und ein Eigenheim mit Schwimmbecken geradezu utopisch geworden ist, hat den Amerikanern offenbar niemand gesagt.

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