Dienstag, 20.10.2020 10:37 Uhr

Noch ein Präzedenzfall der Deutschen Geschichte

Verantwortlicher Autor: Sharon Oppenheimer Tel Aviv, 10.09.2020, 18:44 Uhr
Fachartikel: +++ Special interest +++ Bericht 5357x gelesen

Tel Aviv [ENA] Meir von Rothenburg, bekannt auch als MaHaRam oder Meir Ben Baruch von Rothenburg, ist eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des Mittelalters. Er war ein liturgischer Poet, höchste rabbinische Autorität im deutschsprachigen Raum und der letzte Tosafist. Jedoch endete sein Leben als Geisel, eingekerkert vom regierenden Monarchen, um Geld von den Jüdischen Gemeinden zu erpressen.

Meir wurde um 1215 in Worms geboren. Er stammte aus einer altehrwürdigen Familie jüdischer Gelehrter und studierte in Würzburg, Mainz und Paris. 1242 erlebte er in Paris die öffentliche Verbrennung jüdischer Schriften mit. Das von ihm verfasste Trauerlied wird bis heute am Tischa BeÁv, dem Tag der Tempelzerstörung angestimmt. Nachdem er seine Studien abgeschlossen hatte, lebte er mehr als vierzig Jahre in Rothenburg ob der Tauber. Er gründete ein jüdisches Lehrhaus mit mehr als zwanzig Zimmern, das Schüler aus ganz Europa anzog.

Meir wurde in dieser Zeit eine der wichtigsten Autoritäten in jüdischen Rechtsfragen. Bemerkenswert ist, dass sich bis heute mehr als 1,500 Responsen erhalten haben. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er 1276 nach Worms zurück. In den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts begann sich die Lage der Juden weiterhin zu verschlechtern. Ritualmordanklagen häuften sich; zudem erhob König Rudolf I. von Habsburg im Jahr 1284 außerordentlich hohe Steuern, die von der jüdischen Gemeinschaft zu zahlen waren. Im Jahr 1286 zwang der Herrscher den im Reich lebenden Juden erneut eine hohe Steuerlast auf und es kam zu einer Auswanderungswelle in die alte Heimat nach Eretz Israel.

Meir von Rothenburg gründete eine charismatische Bewegung, die eine Welle der Auswanderung der Juden in die alte Heimat auslöste. Meir sah, genau wie andere Juden, die Rückkehr nach Eretz Israel als spirituelles Erlebnis an. Er schloss sich mit seiner Familie an, wurde aber beim Überschreiten der Alpen als Anstifter der Bewegung erkannt und von Meinhard von Görz festgesetzt und an Rudolf I. ausgeliefert. Zunächst wurde Meir von Rothenburg in Ensisheim festgehalten und dann nach Wasserburg am Inn verbracht und eingekerkert. Rudolf von Habsburg forderte ein Lösegeld für Meir Rothenburg in Höhe von 23,000 Mark in Silber. Der König von G-ttes Gnaden wollte somit die Steuerverluste, die ihm durch die Auswanderung entstanden waren ausgleichen.

Die Verhandlungen wurden von Meirs Schüler Asher Ben Jechiel geführt. Das Lösegeld wurde erbracht, aber die Geisel lehnte mehrmals ab. Meir von Rothenburg wollte keinen Präzedenzfall schaffen, denn er befürchtete es würde dann zur gängigen Praxis werden, Juden als Geisel zu nehmen, um von der jüdischen Gemeinden Geld zu erpressen. Nach sieben Jahren Kerkerhaft verstarb Meir im Jahre 1293. Nicht einmal sein Leichnam wurde freigegeben. Erst 1307 gelang es dem Frankfurter Kaufmann Alexander Ben Salomon Wimpfen seine Gebeine für die Unsumme von 20,000 Pfund Silber auszulösen.

Man beerdigte Meir Ben Baruch von Rothenburg auf dem Jüdischen Friedhof, dem "Heiligen Sand" in Worms. Neben ihm bestattete man Alexander Ben Salomon Wimpfen, seinen Wohltäter, der im selben Jahr verstarb. Beide Gräber sind bis heute erhalten.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.