Donnerstag, 21.09.2017 19:40 Uhr

Die bewegte Geschichte des Neuen Schlosses in Stuttgart

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Stuttgart, 10.04.2017, 10:23 Uhr
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Barocke Pracht im Treppenhaus zur Belle Étage
Barocke Pracht im Treppenhaus zur Belle Étage  Bild: Julia Barthold

Stuttgart [ENA] Das Neue Schloss mit dem Schlossplatz bildet das Zentrum von Stuttgart. Es ist eines der letzten in Deutschland erbauten Schlösser. Direkt daneben steht das Alte Schloss aus der Renaissance-Zeit, das heute das Landesmuseum und die Stauffenberg-Gedenkstätte beherbergt.

Die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, Stuttgart, hat eine reiche Schlösser-Geschichte, da der jeweilige Monarch und dessen nahe Verwandtschaft, stets standesgemäß zu residieren wünschte. So steht in der Mitte von Stuttgart das Alte Schloss, ein Renaissance-Bau der einem Wasserschloss nachempfunden ist, mit einem einzigartigen Arkaden-Innenhof. Das wurde aber im Laufe der Zeit zu klein für die immer opulenter werdenden Feste und die Länge des Tafel-Tisches. So wurde die Residenz immer wieder für einige Zeit verlegt, z.B. nach Hohenheim oder Ludwigsburg. Auch zahlreiche Lustschlösser und Jagdschlösser ließen die Herrschaften in der ganzen Umgebung erbauen.

Doch zurück zum Neuen Schloss: Es ergab sich, dass der Vater von Carl Eugen früh starb. Das war Carl Alexander, der Sohn des Neffen von Eberhard Ludwig, dem Bauherren von Ludwigsburg. Carl Eugen war gerade erst 9 Jahre alt, als sein Vater starb, also zu jung zum Regieren. Man schickte ihn an den Hof des preußischen Königs Friedrich II, zu Erziehungs- und Ausbildungszwecken. Mit 16 Jahren wurde er volljährig erklärt und sollte fortan Württemberg regieren. Er verlegte die offizielle Residenz wieder von Ludwigsburg in die Stadt Stuttgart, wo er sich aber kaum aufhielt. Viel lieber veranstaltete er in Ludwigsburg rauschende Feste. Daher verlegte er die Residenz wieder nach Ludwigsburg zurück.

Nun versuchte die städtische Ständeversammlung den Herzog zur Rückkehr nach Stuttgart zu bewegen, da mit seiner Residenz doch auch politische und wirtschaftliche Macht verbunden sind. Diese wollten sich die Herren nicht nehmen lassen. Carl Eugen ließ sich unter der Bedingung darauf ein, dass er eine neue, angemessene Unterkunft in Stuttgart bekäme. 2 Jahre wurde über den Neubau diskutiert und gestritten, doch schließlich erfolgte am 3. September 1746 die Grundsteinlegung und der Bau begann mit dem Gartenflügel.

Der Mittelbau bei Nacht - Großer Andrang zur Besichtigungsmöglichkeit bei der Langen Nacht der Museen

Insgesamt erstreckte sich der Bau von 1746 bis 1906 in mehreren Bauphasen. Die erste Phase leitete der italienische Architekt Leopold Retti, der 1751 an einer überraschenden Krankheit starb. Der Pariser Baumeister Philippe de La Guêpière übernahm von 1751 bis 1774. In dieser Zeit wurde der Mitelbau fertiggestellt und der Rohbau des Stadtflügels. Auch als Innenarchitekt zeigte er großes Können, indem er den Gartenflügel fertig ausstattete. Zum herben Rückschlag führte ein Großbrand 1762, der den Gartenflügel fast vollständig vernichtete.

Der weitere Ausbau war derart kostenintensiv, dass er 1774 durch die Wiener Reichshofkammer und die Städtevertretung gestoppt wurde. Doch der künftige Zar Paul der I. und seine Frau Sophie Dorothee von Württemberg (Nichte Carl Eugens) kündigten ihren Besuch für 1775 an, weswegen man den Marmorsaal im Mittelpavillion fertigstellte. Man wollte sich schließlich nicht blamieren.

Einige Jahre stand der Bau still. Erst 1805 wurde der Architekt Nikolaus Friedrich von Thouret beauftragt, die dritte Bauphase zu beginnen. In 2 Jahren wurde der Gartenflügel wieder aufgebaut, das Corps de Logis, sowie Ausbau und Gestaltung der Innenräume vollendet. Bis 1918 wurden immer wieder Veränderungen vorgenommen. König Wilhelm I, zog 1816 direkt nach seiner Amtseinführung im neuen Schloss ein.

100 Jahre später, nach etlichen Ergänzungen und Änderungen der Innenausstattung, vor allem auch im Wohntrakt der Familie des jeweiligen Regenten, dankte der letzte König von Württemberg, Wilhelm II, am 30 November 1918 ab. Er selbst nutzte das Schloss nicht als Wohnsitz, sondern nur zu Repräsentationszwecken und machte das Areal bereits teilweise der Öffentlichkeit zugänglich. Dann übernahm der Staat das Schloss.

Im 2. Weltkrieg wurde das Schloss fast vollständig zerstört. Lange wurde über das weitere Vorgehen gestritten. Schließlich entschloss man sich zum (eingeschränkten) Wiederaufbau. Der Wiederaufbau von 1958 bis 1964 orientierte sich bereits an der späteren Nutzung als Verwaltungsgebäude. Die wichtigsten Prachträume wurden aber rekonstruiert. Diese können einmal im Jahr bei der Langen Nacht der Museen, oder bei angemeldeten Sonderführungen besichtigt werden.

Derzeit sind im Neuen Schloss der Arbeitsplatz des amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Bündnis 90 Die Grünen), das Kultus- und Finanzministerium und die Landesbehörde Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg untergebracht. Der Ehrenhof ist ausgewiesen als Parkplatz für die Mitarbeiter dieser Behörden. Auf dem Schlossplatz finden häufig Veranstaltungen der Stadt statt. Außerdem ist der Platz sehr beliebt bei der Bevölkerung und auch bei Touristen. Gerne sitzt man dort auf einem Bänkle oder auf der Wiese in der Sonne, trifft Freunde oder schlotzt ein Eis.

Weiterführende Informationen und Bilder:

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Wiederaufbaus hat das Land Baden-Württemberg eine Broschüre herausgegeben. Diese können Sie sich hier ansehen und sie als PDF herunterladen: ***https://fm.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-fm/intern/Publikationen/Baubroschuere_Neues_Schloss_Stuttgart.pdf*** Bitte kopieren Sie dazu den gesamten Link (zwischen den Sternchen) in die Adress-Zeile Ihres Browsers. Die direkte Verlinkung im Artikel geschieht automatisch und ist leider häufig unvollständig. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

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