Mittwoch, 28.10.2020 11:35 Uhr

Werweissen über bevorstehende Kriegsgefahr mit Hisbollah

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 30.07.2020, 16:23 Uhr
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Israels Schicksalsrad im Landesnorden - hier eine Aufnahme aus Haifa - dreht sich im Ungewissen
Israels Schicksalsrad im Landesnorden - hier eine Aufnahme aus Haifa - dreht sich im Ungewissen  Bild: Ronaldo Goldberger

Jerusalem [ENA] Nein, keine Drôle de Guerre ist im Norden Israels im Gange. Vielmehr schätzt man das Risiko ein, wann der seit Jahren angekündigte ultimative Krieg des iranischen Stellvertreters Hizbollah - mit über 150'000 Raketen im Anschlag! - gegen Israel erfolgt, sollte man sorglos bleiben.

Die Erinnerungen an den letzten Libanonkrieg von 2006 sind noch nicht verblasst, und schon braut sich wieder Unheilvolles zusammen. Erst kürzlich wurde im felsig-waldigen Gelände in den Abhängen des Hermon-Gebirges mit Racheankündigung eine vierköpfige Terroreinheit losgeschickt, um Attentate zu verüben. Als Grund vorgeschoben wurde der Tod eines ranghohen Mitglieds der Iran-Miliz in Syrien vor dem Hintergrund israelischer Angriffe. Die Milizionäre wurden von Soldatinnen auf Bildschirmen gesichtet und daraufhin mit MG-Salven verjagt. Scheinbar überlebten alle Teilnehmer der mörderischen Einheit. Wurde da abgefeimtes Theater inszeniert? Fragen über Fragen, die sich umso mehr auftürmen, als die Regierung ihren Ministern Maulkörbe verpasste.

Geschwätziger Diskurs

Eine höchst sonderbare Interpretation der Geschehnisse hat sich ergeben. Verwundert rieben sich Militärreporter und Kommentatoren die Augen. Schachert man neuerdings mit einer schlagfertigen Armee, zumal der gefährlichsten unter den Feinden, die am Zerstörungswillen Israels keinen Zweifel lässt? Während des gesamten Bürgerkriegs in Syrien, der 600’000 Menschenleben kostete, schlug sich die vom iranischen Regime vollumfänglich finanzierte und trainierte Hisbollah - ihr Salut ist der Hitler nachempfundene Gruss mit erhobenem rechten Arm - an der Seite des Diktators Assad. Ihr tödliches Raketenarsenal kann praktisch jeden geographischen Punkt in Israel erreichen. Zudem hat sie das libanesische Staatswesen vollständig unterwandert.

Yaacov Bardugo, scharfsinniger Analysand polit-psychologischer Befindlichkeiten des Militärradios „Galei Zahal“, der so manchen Ministern gnadenlos über den Mund fährt, wenn sie nichtssagende Blasen absondern, meinte recht sarkastisch, Israels Verteidigungsarmee sei zu einer Aufpäppelungsanstalt für ihre Soldaten verkommen, sprich: nicht zum Siege anerzogen, sondern zum kompromittierenden Nachgeben, je nachdem, wie der politische Wind gerade wehe. Zwar hatte Ministerpräsident Netanyahu in einer glasklaren Verlautbarung Iran und seinen Statthaltern in Syrien und Libanon zu verstehen gegeben, sie mögen Israel lieber nicht testen; das Land sei für sämtliche Eventualitäten vorbereitet, der Preis für einen Angriff uneinschätzbar hoch.

Erklärungsvariante des Generalstabschefs

Wohl ist Generalstabschef Aviv Kochavi in seinen Essgewohnheiten vegan orientiert, auch poetisch veranlagt, doch beruflich gilt er - im Unterschied zu etlichen seiner Vorgänger - als Vertreter eines eindeutig auf Siegen ausgerichteten Kurses. Wer indes hinhorchte während einer Aussprache hoher Offiziere dieser Tage, musste verwundert zur Kenntnis nehmen, in welchem Ausmass taktisches Lavieren ebenso der Kategorie Siegen zuzuordnen sei, allerdings halt nicht um jeden Preis. Wörtlich sagte Kochavi gemäss der Tageszeitung „Yedioth Acharonot“: „Ziel war Vereitelung, nicht Liquidierung, wir wollten keinen Kampftag“, nur um relativierend hinzuzufügen: „Wir werden nicht zulassen, dass bei Hisbollah das Gefühl aufkommt, wir seien abgeschreckt."

Mit dem Gleichgewicht der Abschreckung ist nicht zu spassen. Wenn der zur ausgewachsenen Armee gediehenen Miliz Hizbollah inzwischen gleich viel Bedeutung beigemessen wird, wie einer der weltweit schlagkräftigsten Armeen, ist etwas aus dem Lot geraten. Taktische Spielchen wurden angewandt, um den der Militärfestung „Gladiola“ auf dem Berg Dov westlich des Hermongebirges gefährlich nahe gekommenen Terroristenschwarm zu schonen.

Im Nahen Osten geht es oft um die Wahrung von Ehre; offenbar wollte Israel seinen Gegnern eine Leiter hinreichen, um vom hohen Baum eines unumgänglichen Racheaktes herunterzukommen. So wie sich die Lage derzeit darbietet, ist der Fall noch nicht zu einem Ende gekommen, und die in allerhöchste Alarmbereitschaft versetzten Verteidigungskräfte erwarten förmlich den „erlösenden“ Schliff seitens Hisbollah, der die Spannung mittels Scheinerfolgs abdämpfen könnte. Diese zweifelhafte Ehre macht sich der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, der seit Jahren seine Kriegsgeschäfte aus Furcht vor einem Attentat aus einem Beiruter Bunker aus führt, zunutze. Er behält sich die Fortsetzung der Ereignisse vor.

Desaster im Libanon

Der Zedernstaat steht am wirtschaftlichen Abgrund. Eben wurde ein zehntägiger Lockdown fürs gesamte Land erlassen. Hunger greift um sich, die Landeswährung verliert dauernd an Wert, Produktion wie Exporte sind eingebrochen, umso mehr ist man auf Einfuhren selbst von Grundnahrungsmitteln angewiesen. Wohl spülen Transfer libanesischer Emigranten, die bald das Zweifache der rund 8 Mio. Einwohner - wovon knapp ein Viertel Flüchtlinge aus Syrien - ausmachen, noch Devisen ins Land, doch verheisst diese Abhängigkeit nichts Gutes. Selbst Irans Statthalter Hizbollah, ein wahrhaftiger Staat im Staat, erhält aus Teheran weniger Geld als üblicherweise und muss seine militärischen Ressourcen schonen. Ob das die Kampfeslust senkt? Man darf gespannt sein!

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