Mittwoch, 18.10.2017 16:58 Uhr

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Verantwortlicher Autor: Dieter Kurth Berlin, 11.10.2017, 20:54 Uhr
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Wählerwanderung
Wählerwanderung   Bild: Fotomontage D. Kurth

Berlin [ENA] Es gibt Situationen, da gewinnt ein alter Ausspruch erneut an Bedeutung - wenn auch vielleicht die inhaltliche Auslegung nicht dem Ursprungssinn entspricht. Wer sich in der Zeit unmittelbar vor der Bundestagswahl ausschließlich an Fakten orientieren will, hat es nicht immer leicht.

Der einigermaßen aufmerksame Wahlbürger wird durch eine Vielzahl quälender Diskussionen, sachliche oder teilweise unsachliche Auseinandersetzungen, wahre oder falsche Behauptungen sowie logisch nachvollziehbare oder aber auch abstruse Argumentationen beeinflusst. Bereits die normalen Printmedien sowie die öffentlich-rechtlichen Funk- und Fernsehsender überschütten den Konsumenten mit einer so enormen Flut an Informationen, dass eine objektive Filterung unmöglich erscheint. Experten, wie Politik- und Medienwissenschaftler, lassen uns nunmehr an Gedankengängen teilhaben, welche in den zurückliegenden Jahren anscheinend keinerlei Bedeutung hatten. Nur schade, dass im Parlament davon ebenfalls niemand zuvor Kenntnis hatte.

Auch nach Abschluss der Wahlen herrscht keinerlei optimistische Grundstimmung. Die Palette reicht über Skepsis ob der eigentlich unpassenden Formatierung einer sogenannten "Jamaika"-Koalition (nur der Farben wegen - aber dieser Vergleich passt bei der FDP nicht mehr so recht, denn aus dem vertrauten Gelb ist schrilles Magenta geworden, als Zeichen des Aufbruchs in eine neue Parteiphase) bis zum Optimismus, dass sich die vier Parteien - trotz ihrer Gegensätze - schon zusammenraufen werden. Dies hat etwas vom Singen oder Pfeifen im dunklen Wald, um die Angst zu vertreiben. Für die Darstellung der Situation auf der Grundlage von Fakten bewegt man sich als Journalist auf recht dünnem Eis.

In der gegenwärtigen Phase der eventuellen Regierungsbildung ist es fast unmöglich die Situation objektiv einzuschätzen. Dafür sorgen die Reaktionen der Parteien auf ein neues, ungeliebtes oder besser gesagt abgelehntes Parlamentsmitglied namens AfD. Nicht genug, dass die Darstellung in Berichten sehr subjektiv war und ist, verhalten sich die Fraktionen im Bundestag zum Fremdschämen, fast infantile Verhaltensweisen (man streitet sich um die Sitzplatznähe oder verhindert trickreich, dass eine Antrittsrede gehalten werden kann). Das läuft nach dem Motto:"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern.." wie schon meine Großmutter zu sagen pflegte. Gemacht hat man es dennoch und das Gewissen und die Intelligenz haben letztendlich entschieden.

Es kann doch nicht im Sinne einer objektiven Berichterstattung sein, Populismus (mittlerweile zum Schimpfwort avanciert) mit Populismus zu bekämpfen. Ein Beispiel dafür: In mehreren offiziellen Stellungnahmen, Diskussionen oder Talkshows ist die oft zitierte Darstellung von SPD, FDP, Grünen und Linken, dass ja ca. 87 Prozent keine AfD gewählt haben - das und die Vernünftigen. Leider ist das nicht nur statistisch falsch . schon auf der Grundlage der Wahlbeteiligung (die lag ja nicht bei 100%), sondern man könnte ebenso gut erwidern, dass mehr als 90% der Wähler z.B. nicht Die Grünen gewählt haben usw.. Es bleibt zu hoffen, dass der gegenwärtige Trend zur Überzeichnung bald einer konstruktiven Sachlichkeit weichen wird.

Gegenwärtig ist in ganz Europa irgendwie ein fortschreitende Unruhe zu verzeichnen. Bei meiner kürzlichen Reise nach Rom, hatte ich Zeit mich mit einer Gruppe französischer und italienischer Bürger zu unterhalten - ohne Vorurteile gegenüber Journalisten. Interessant war, dass die sich vermittelnde Stimmung nicht in einer Euphorie gegenüber der Macron-Politik widerspiegelte und von italienischen Landsleuten sogar die Politik von Berlusconi "verklärt" wurde. Dies mag uns nicht gefallen, aber es sind Fakten. Letztendlich wird derjenige, der vor sichtbaren Fakten die Augen verschliesst, mit Problemen erwachen. Bleibt zu hoffen, dass in den Alltag wieder der Pragmatismus einzieht, der in einem zumutbaren Zeitraum annehmbare Ergebnisse erzielt.

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