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Vom schwierigen Umgang mit dem "Ende der Erinnerung"

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Winterthur, 16.01.2018, 13:43 Uhr
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Winterthur [ENA] Rund 80 Menschen kamen ins ausverkaufte Kino Cameo zur Aufführung von Peter Scheiners Dokumentarfilm "Ende der Erinnerung?", mit anschliessender Podiumsdiskussion. Unter der kundigen Leitung von Noëmi Gradwohl gingen sie der Problematik der Vermittlung von Wissen um die Shoah ohne Zeitzeugen nach, mit besonderem Augenmerk auf das Präsidialjahr der Schweiz in der International Holocaust Remembrance Alliance IHRA.

Vor einem Jahr berichteten wir an dieser Stelle über den Blick des Schweizer Dokumentarfilmers Peter Scheiner auf ein Stück Schweizer Geschichte: die Kontaktstelle für Überlebende des Hoilocaust in der Schweiz, rsp. dessen Auflösung im Jahr 2011. Nun luden die Israelitische Gemeinde Winterthur, zusammen mit der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft und dem Galerieverein Winterthur zur Filmvorführung mit anschliessender Podiumsdiskussion. Letzteres bot den Rahmen, um die Fragen der Erinnerung nach Abtreten der Zeitzeugen und den Umgang in der Schweiz mit der Shoah zu beleuchten. Der abschliessende Apéro bot sodann Gelegenheit, diese Fragen in persönlichen Gescprächen mit den Diskutanten zu vertiefen.

Leitmotivisch zog sich das Wort "Ernüchterung" durch die gesamte Veranstaltung. Ernüchternd nicht nur eine der Kernaussagen des Films, die Überlebenden wären weitgehend allein gelassen worden von der offiziellen Schweiz. Ernüchternd auch die bisherige Bilanz des Präsidialjahres der Schweiz in der IHRA, drastisch beleuchtet etwa durch die Voten des Leiters Historischer Dienste im EDA, François Wisard, dem die konkreten Beispiele für ein eindeutiges Engagement fehlten - lässt man die finanzielle Unterstützung von Projekten Dritter ausser Betracht. Ernüchternd auch der Hinweis des Historikers Simon Erlanger, dass selbst im beschaulichen Winterthur des Jahres 2018 eine Polizeipräsenz vor dem Eingang zum Kino Cameo unerlässlich sei.

Ernüchternd aber insbesondere die Aussage des für die Veranstaltung verantwortlich zeichnenden Winterthurer Anwalts Olaf Ossmann, Vorstandsmitglied der Israelitischen Gemeinde Winterthur wie des Galerievereins, Sprachlosigkeit bis in die zweite Generation, etwa zwischen den Parteien der in seiner beruflichen Praxis geführten juristischen Auseinandersetzungen um Raubkunst, seien weit verbreitet. Es war daher auch nicht besonders erstaunlich, wenn auch in den Voten der Zuschauer und -hörer insbesondere die Bedeutung des Dialogs immer wieder angeführt wurde. Ein solcher Dialog fand gestern statt. Schade, dass ausgerechnet der Vertreter der offizellen Schweiz noch vor dem Apéro "den Zug nach Bern erwischen" musste.

Einen möglichen Weg des Reagierens sieht Ossmann in der Kunst: durch Bilder einen Ausdruck für das unaussprechliche Verbrechen des Holocaust zu finden. Bilder, wie den Film Scheiners oder den - auch im Film gezeigten - Zyklus "Birkenau" des Malers Gerhard Richter. Aber auch die Bildsprache von Gedichten aus der Zeit, mit deren Hilfe man auch heute Jugendliche abholen könne, "dort abholen, wo sie stehen". Denn, und dies ist auch die persönliche Quintessenz, Angehörige der zweiten und dritten Generation können nicht mehr in der gleichen authentischen Weise über den Holocaust berichten, wie dies die direkt Betroffenen konnten. Gesucht wird ein neuer Ansatz, damit die Losung "Nie vergessen" keine leere Worthülse bleibt.

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