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Vom gescheiterten Versuch, von Münzen abzulesen

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Berlin, 24.11.2022, 13:52 Uhr
Kommentar: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 1928x gelesen
MünzenRevue
MünzenRevue  Bild: Michael Fuchs

Berlin [ENA] König Ludwig II. von Bayern und seine „Märchenschlösser“ ziehen fast immer Aufmerksamkeit auf sich. Das Thema „Ludwig und das Geld“ bietet sicher auch interessante Geschichten, zumal, wenn er auf dem Titelbild einer Münzenzeitschrift prangt. Ein Versuch, aus Münzen etwas über den Menschen abzulesen.

Man kann von einer Münzen-Zeitschrift Informationen zu Münzen und Banknoten und überhaupt zum Geld erwarten. Wenn eine historische Person einen besonderen Bezug zu Münzen, zu Geld hat, kann dies sehr interessant sein. Hat sie eine große Sammlung angelegt? Lag das Interesse auf bestimmten Motiven? Dazu gibt es vielleicht einige Informationen zum Leben der Persönlichkeit oder zu Hintergründen derselben oder zum Interesse am Geld. Aber hier – so scheint es – war es genau umgekehrt. Man nehme eine Person, die irgendwie keinen Bezug zum Geld hat und drapiere ein paar Münzen um sie herum.

Auf den Seiten 150 bis 156 der Oktober-Ausgabe der MünzenRevue aus dem Regenstaufer Battenberg Gietl Verlag schreibt der Autor Dietmar Kreutzer über den „Märchenkönig auf Münzen und Medaillen“. Tatsächlich formuliert er die Fragen „Was für ein Mensch war Ludwig II. von Bayern wirklich? Und was davon ist auf seinen Münzen und Medaillen ablesbar?“ Die Erwartungen sind also durchaus sehr hoch angesetzt. Um es schon vorwegzunehmen: man erfährt wenig über Münzen, aber viel zu der Person und das stimmte noch nicht einmal.

Doch der Reihe nach: Schon im Teaser auf Seite 4 wird Otto von Bismarck zitiert, der Ludwig abwertend als „Goldfasan“ bezeichnet haben soll. Tatsächlich aber stammt die Bezeichnung – anerkennend – von Philipp zu Eulenburg, der in seinen Erinnerungen schrieb, er schreite: „schön wie ein Goldfasan zwischen allen den Haushühnern einher“. Das schon auf der erwähnten Titelseite abgebildete Gemälde von Ferdinand Piloty zeigt den jungen König 1865 eben nicht in der Uniform eines Generalfeldmarschalls, sondern eines bayerischen Generals.

Münzen aus der Regierungszeit Ludwig II.

Schlimmer als diese sachlichen Fehler sind wohl noch die Interpretationen des Autors und das durch ihn insgesamt gezeichnete Bild. Um Ludwig zu diskreditieren, wird immer wieder gerne der Vorwurf genommen, er kümmerte sich „als neuer König denn auch weniger ums Regieren.“ Stattdessen sei der Kabinettssekretär von Ludwig „mit der für ihn wichtigsten Mission: Wagner musste nach München geholt werden“ beauftragt worden. Es ist aber inzwischen mehrfach belegt, dass Ludwig die Amtsgeschäfte auch und gerade zu Beginn seiner Regierungszeit sehr wichtig waren. Ausführlich schreibt dazu Christof Botzenhart der gedruckten Ausgabe seiner Dissertation von 2004 (s. u.).

Verkürzt der Autor die Beziehung zu ebenjenem Richard Wagner, der „Ludwig vor allem finanziell aus“-genommen habe und es ihm „schwer (fiel), sich von seinem Idol zu lösen“ – so zeigt dies nicht ansatzweise das komplexe Verhältnis zwischen den beiden. Beziehungen u. Verhältnisse scheinen den Autor sehr zu beschäftigen; bei Ludwig nennt er sie „chronisch gestört“ und er „vermochte keinen seiner Liebhaber zu halten“. Auch über Ludwigs soziale Phobien und zwischenmenschliche Vertraulichkeiten ist viel geschrieben worden. Gerade für den Autor, der sich mit schwulen Menschen beschäftigt hat, hätte man erwarten können, dass er sich differenzierter mit den Nöten & Sorgen von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen im 19. Jahrhdt. auseinandersetzt.

Weiter schreibt Kreutzer über Ludwig, er habe den deutschen Kaiser „brüskiert“, „Süßigkeiten (…) in sich hinein“ gestopft, habe die „Zahnpflege“ nicht ernst genommen und „nächtliche Trinkgelage mit Soldaten“ veranstaltet. Zu einer abgebildeten Medaille schreibt er Ludwig einen „beängstigend verfinsterten Blick des Königs“ zu, wenngleich der König dem Schöpfer der Abbildung (Ries) sicher nicht Modell gestanden haben wird, sondern es sich hier um eine Interpretation des Künstlers handelt.

Es wird hier also ein bewusst negatives Bild des Menschen Ludwig gezeichnet, was dem Autor ja absolut frei steht, wenn die Belege wenigstens stichhaltig, geschweige denn richtig wären. Leider ist der ganze Beitrag insgesamt sehr enttäuschend: Das, was man über „den Mensch Ludwig“ erfährt, ist zum großen Teil falsch oder verzerrt. Die Informationen über die in seiner Regentschaft herausgegebenen Münzen und Medaillen sind recht spärlich. Und was aus diesen Münzen über Ludwig auch immer herauslesbar sein soll – man erfährt es nicht. Überhaupt scheint es auch keinen Anlass zu geben. War es ein Lückenfüller? Für ein renommiertes Fachmagazin ist das jedenfalls ein recht schwacher Beitrag. Weitere Informationen auf www.Ludwigiana.de

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