Mittwoch, 30.11.2022 01:05 Uhr

Hermann Hesse: 'Zarathustras Wiederkehr'

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Frankfurt am Main, 01.10.2022, 17:07 Uhr
Kommentar: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 3597x gelesen

Frankfurt am Main [ENA] 'Zarathustras Wiederkehr' - eine wohl kaum bekannte, kurze und doch sehr dichte und geistreiche Schrift Hermann Hesses aus den letzten Tagen des Januar 1919, die er eigenen Angaben zu Folge "unter dem Druck der Weltereignisse in zwei Tagen und Nächten" schrieb und die "bald darauf anonym erschien". Sie wird von etwas Zeitlosem, Geheimnisvollem und einer seligen Ahnung durchweht. Vor allem uns Heutige lädt sie ein.

Mit dem wiedergekehrten Zarathustra, dem Protagonisten der legendenhaften Hesse-Erzählung, kommt eine völlig neue Sicht- und Deutungsweise sowohl dessen, was Menschsein heißen könnte, als auch des äußeren Weltgeschehens ins Spiel und wird zum Gegenstand der Auseinandersetzung mit den Gesprächspartnern Zarathustras, welche als Jünglinge, junge Männer und Jugend vorgestellt werden. Die Botschaft des "alten Einsiedlers" - eine seiner Bezeichnungen im Text - mutet an, wie wenn da etwas aus einer anderen Sphäre, auf die im weiteren Verlauf mit Chiffren dichterisch verwiesen wird, im Diesseits schon offenbar werden würde.

Zarathustras Wesensart schimmert in der folgenden hieroglyphenartigen Beschreibung durch: "Von einer entfernten Straße her hörte man in diesem Augenblicke Schüsse, großes Geschrei und Kampflärm hallen; [...] Und wie Zarathustra sah, daß die Blicke und Gedanken seiner jungen Begleiter dort hinüberliefen wie junge Hasen, da änderte er den Ton seiner Stimme. Sie klang plötzlich wie aus einer großen Fremde her [...], wie eine Stimme, die nicht von Menschen kommt, sondern von den Sternen oder Göttern her, oder, noch mehr, wie eine Stimme, die jeder heimlich in der eigenen Brust vernimmt, zu Stunden, wo Gott in ihm ist."(1)

Die jungen Menschen, "welche vom Kriege heimgekehrt und in der veränderten und umgestürzten Heimat voll rastloser Besorgnis waren", mit denen Zarathustra in einen Dialog tritt, hatten bereits "im Beginn ihrer Jugendzeit" über ihn gelesen, nachgedacht und miteinander gesprochen. "Und Zarathustra war ihnen heilig gewesen, wie einem jeden diejenige Stimme zum Heiligtume wird, welche ihn zuerst an sein eigenes Ich und sein eigenes Schicksal gemahnte."(2)

Über das Wesentliche, was seine Weisheit auszeichnet, äußert sich Zarathustra in einem Selbstzeugnis wie folgt: "Aber nur eines hat er gelernt, nur eines ist seine Weisheit, nur eines ist sein Stolz. Er hat gelernt, Zarathustra zu sein. Das ist es, was auch ihr von ihm lernen wollet, und wozu doch so oft euch der Mut gebricht. Ihr sollet lernen, ihr selbst zu sein, so wie ich Zarathustra zu sein gelernt habe. Ihr sollet verlernen, andere zu sein, gar nichts zu sein, fremde Stimmen nachzuahmen und fremde Gesichter für die euern zu halten."(3)

Der Dialog zwischen Zarathustra und der Jugend dauert einen ganzen Abend beim Gang Richtung Stadtrand und dort dann weiter unter rauschenden Bäumen. Einer der Anwesenden soll das, "wovon Zarathustra an jenem Abend zu ihnen sprach [...] für seine Freunde aufgeschrieben und bewahrt haben". Das Resultat sind Betrachtungen zu den Themen 'Vom Schicksal', 'Vom Leiden und vom Tun', 'Von der Einsamkeit', 'Spartakus', 'Das Vaterland und die Feinde', 'Weltverbesserung', 'Vom Deutschen', 'Ihr und euer Volk' und 'Der Abschied'. Fazit: Hesses zeitlose, existenzielle, lyrische Legende der Moderne ist Pflichtlektüre für jeden; ein heller Ruf einer tiefen nach Erfüllung suchenden Sehnsucht aus der Tiefe des Geheimnisses: Mensch.

Eine Neuauflage von 'Zarathustras Wiederkehr' ist im Suhrkamp Verlag als Taschenbuch und eBook erschienen: https://www.suhrkamp.de/buch/hermann-hesse-zarathustras-wiederkehr-t-9783518387283

(1) Hermann Hesse: Zarathustras Wiederkehr, in: Hermann Hesse. Politik des Gewissens. Die politischen Schriften 1914-1932. Vorwort v. Robert Jungk. Hg. v. Volker Michels. Erster Band. Frankfurt am Main 1977. © Suhrkamp Verlag, S. 282. (2) Ebd., S. 280. (3) Ebd., S. 283. © Suhrkamp Verlag. Alle Rechte liegen beim Verlag.

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