Montag, 11.12.2017 08:50 Uhr

Don Quijote der Träumer von La Mancha und ein Lebenswerk

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Stuttgart, 22.07.2017, 09:14 Uhr
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Das Stuttgarter Ballett präsentiert Ballett im Park mit
Das Stuttgarter Ballett präsentiert Ballett im Park mit   Bild: Julia Barthold

Stuttgart [ENA] Das Sommer-Highlight bereits zum 11. Mal im Stuttgarter Schlossgarten: Die Life-Übertragung des Balletts auf die große LED-Leinwand vor der Spielstätte (Großes Haus). Die exzellente Kameraführung erlaubte phantastische Blicke auf die Bühne, wundervoll ausgearbeitete Kostüme und dargebotene Künste.

Ballett im Park ist jedes Jahr etwas ganz Besonderes; kann man doch hier Spitzenkunst auf höchstem Niveau, gratis und im Freien erleben. Dabei haben die Künstler alle Möglichkeiten, die die professionelle Bühne im Großen Haus von Stuttgart bietet, und die Zuschauer draußen im Freien, Dank der großartigen Bild- und Tontechnik, ganz hervorragende Voraussetzungen, dies live, nur ein paar Meter vom Geschehen entfernt, mitzuerleben. Rekord-Zuschauerzahlen von knapp 8000 Personen allein am Samstag (08. Juli) waren begeistert. Ab 19 Uhr wurde weiteren Personen der Zugang verwehrt, da das Gelände bis zum letzten Platz vollbesetzt war. Zum Vergleich: Im letzten Jahr waren 4500 Personen dort.

Die Atmosphäre auf dem Gelände war bereits vor Beginn der Vorstellung freudig-erwartungsvoll, heiter, fröhlich und gelassen. Besucher breiteten ihre Picknickdecken und – Utensilien auf der weichen, grünen Wiese aus und genossen das sommerliche, sonnige Wetter inmitten der Kulisse der neoklassizistischen Gebäude des Neuen Schlosses, des Großen Hauses mit der Wasserfläche des Eckensees und der luftig grünen Umrahmung der großen Parkbäume. Sonia Santiago, eine ehemalige Tänzerin, moderierte den Abend und unterhielt mit kurzweiligen Anekdoten, Blicken hinter die Bühne, Interviews mit Persönlichkeiten des Stuttgarter Balletts, erklärenden Worten, Requisiten und spanischem Flair.

Das Stück: Don Quijote Der Träumer von La Mancha

Im Prolog ist der Autor Miguel de Cervantes zu sehen. Während er ein Buch in seiner Bibliothek liest, schläft er ein. Es erscheint seine Muse Dulcinea (Myriam Simon) und lässt die Figur des Don Quijotes in Cervantes‘ Träumen Gestalt annehmen. Als Cervantes erwacht, ist er inspiriert von der Erscheinung und beginnt, sich Gedanken über einen neuen Roman zu machen. Einige Figuren aus früheren Romanen erscheinen und reagieren eifersüchtig auf den neuen Charakter Don Quijote. Für Alltag, zeigt Cervantes, hat er nun keine Geduld mehr. Sein Nachbar und Freund Sancho Pansa wird angekündigt und kommt zu Besuch. Durch seine Begeisterung erweckt Cervantes die Geschichte zum Leben.

Cervantes Bibliothek - Das Bühnenbild stellt den Wortlaut der Anfangsworte de Romans dar

Cervantes (Matteo Crockard-Villa) erzählt Sancho Pansa (Louis Stiens) aufgeregt von seinem neuen Romanhelden und geht immer mehr in dessen Rolle auf: Don Quijote, ein Mann, der die Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht dulden will und alles daran setzt, sich ihr zu widersetzen. Die Geschichte beginnt im ersten Akt auf einem Dorfplatz mit einer Taverne. Diese gehört dem Wirt Lorenzo (Dimitri Magitov) und seiner Frau Carmen (Angelika Bulfinsky), deren schöne Tochter Kitri (Elisa Badenes) in den Barbier Basilio (Adhonay Soares) verliebt ist, der sie auch liebt.

Lorenzo unterbindet deren Turteleien, denn er hat andere Pläne für seine Tochter. Kitri und Basilio versuchen ihn umzustimmen und doch seinen Segen zu ihrer Heirat zu geben, aber da Basilio kein Geld hat, kommt das für Vater Lorenzo nicht in Frage, allen Beteuerungen Basilios zum Trotz. Just in diesem Moment tritt der schwerreiche Camacho (Roman Novitzky) triumphal auf, um Kitri den Hof zu machen, indem er versucht, sie mit seinem Reichtum zu beeindrucken. Kitri und Basilio machen sich davon, als eine Menge Torreros von der Corrida zurückkommen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Sancho Pansa führt das Pferd mit dem schlafenden Don Quijote auf dem Rücken auf den Dorfplatz

Erst die Ankunft Sancho Pansas unterbricht dieses Treiben, als er die Szene mit dem schlafenden Don Quijote auf einem Pferd betritt. Sofort wird Sancho Opfer der aufgeheizten Stimmung. Die Dorfjugend triezt ihn mit ihren Spielchen, bis der erwachende Don Quijote dem Blödsinn mit seiner Lanze Einhalt gebietet. Kitri und Basilio sind wieder aufgetaucht und auch Don Quijote verliebt sich augenblicklich in die schöne Wirtstochter. Er schmeichelt ihr mit seiner ritterlichen Aufmerksamkeit, aber sie erwidert seine Liebe nicht.

Im zweiten Akt sind Kitri und Basilio weggelaufen. Sie erreichen ein Zigeunerlager. Die Zigeuner sind anfangs misstrauisch, haben aber Mitleid, als sie vom Schicksal des jungen Paares erfahren. Zur Tarnung verkleiden sie Kitri und Basilio gerade noch rechtzeitig als Zigeuner, denn sogleich treffen Lorenzo, Camacho, Sancho und Don Quijote ein. Sie werden vom Zigeunerkönig eingeladen, ihre Tänze anzuschauen. Die Zigeunertänze erzählen die Geschichte eines Paares, das sich liebt, aber nicht zusammensein darf, da ein böser, reicher Mann es verhindert. Don Quijote gerät über diese Tragik und Ungerechtigkeit so sehr in Rage, dass er wild um sich schlägt um dann sogar eine Windmühle anzugreifen.

Die inspirierende Traumwelt der Dyriaden mit der Muse Dulcinea und der Königin der Dyriaden

Don Quijote wird von der Windmühle niedergestreckt und schläft erschöpft ein. Cervantes tritt aus dem Hintergrund hervor und betrachtet seine Kreation. Da erscheint auch seine Muse Dulcinea und führt ihn in die Traumwelt der Dryaden, wo die Königin (Ami Morita) Cervantes mit der unerreichbaren Dulcinea in ihre Welt entführt, bis Dulcinea ihn wieder hinaus geleitet. Cervantes ist voller Inspiration, weckt Don Quijote und Sancho Pansa und schickt sie auf den Weg.

Der dritte Akt spielt in der Taverne, in der sich alle versammelt haben und die Wiederkehr feiern. Lorenzo versucht wieder, Kitri von einer Heirat mit dem reichen Camacho zu überzeugen. Basilio dagegen versucht wieder, Lorenzo für sich einzunehmen, jedoch sind beider Bemühungen vergeblich. Verzweifelt zieht Basilio sein Barbiermesser und ersticht sich. Kitri betrauert den Toten und bittet Don Quijote darum, bei Lorenzo ein gutes Wort für Basilio und sie einzulegen.

Cervantes beginnt mit Hilfe seiner Muse Dulcinea zu schreiben.

Trotz seiner eigenen Liebe erzwingt Don Quijote Lorenzos Segen für die beiden. Woraufhin sich Basilio plötzlich erhebt und dem perplexen Lorenzo dankt. Sogleich werden die Hochzeitsfeierlichkeiten eingeläutet. Cervantes betrachtet die fröhliche Szene von außen. Zufrieden setzt er sich hin und beginnt, mit Hilfe seiner unvergleichlichen Muse Dulcinea, mit der Niederschrift seines Romans.

Es gab donnernden Applaus. Als dieser langsam abebbt, spielte das Staatsorchester (unter der Leitung von James Tuggle) einfach weiter und der Ballettintendant Reid Anderson geleitete die zierliche Georgette Tsinguirides auf die Bühne. Er stellte ihr einen Thron aus dunklem, geschnitztem Holz mit leuchtend roten Samtpolstern mitten auf die Bühne, während sämtliche Mitglieder der Kompanie und ehemalige Größen des Stuttgarter Balletts sich in einer Reihe aufstellten, um ihr, einer nach dem anderen, eine rote Rose zu überreichen.

Die gesamte Kompanie und ehemalige Größen verabschieden sich
Balettintendant Reid Anderson und Choreologin Georgette Tsinguerides
Gebührende Verabschiedung einer Stuttgarter Legende. Ein großartiges Lebenswerk.
Georgette Tsinguirides mit John Cranko

Georgette Tsinguerides verabschiedete sich nach 72 Jahren Engagement im Stuttgarter Ballett. Dieses einzigartige Lebenswerk feierte die Kompanie, der Saal und die Menge im Schlosspark nach Kräften. Georgette Tsinguirides leistete u.a. Großes im Bereich der Choreologie, der Niederschrift von Ballettinszenierungen, sie arbeitete als Ballettmeisterin und langjährige Assistentin John Crankos, dessen große Werke sie auch alle in der internationalen Tanzschrift „Benesh Movement Notation“ fixiert hat. Ein gebührender Abschied für eine einzigartige Persönlichkeit, die schier Unmögliches für das Stuttgarter Ballett geleistet hat.

Am Sonntag (09. Juli) gab es dann noch, ganz traditionell, eine Matinee der Eleven (Balettschüler) der professionellen John-Cranko-Schule, die den Nachwuchs der internationalen Bühnen ausbildet. Begonnen wurde ganz klassisch mit den „Vier Jahreszeiten“. Auch diese Gelegenheit wurde von mehreren hundert Personen angenommen, die die Gelegenheit zu einem ganz besonderen sonntäglichen Frühstücks-Picknick im Park nutzten. Nächstes Jahr wird Ballett im Park am 21. und 22. Juli 2018 stattfinden. Aufgrund größerer personeller Umstellungen im Staatstheater Stuttgart und dem Stuttgarter Ballett, ist das Stück für "Ballett im Park 2018" bislang nicht bekannt.

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