Mittwoch, 29.06.2022 05:43 Uhr

Connected-TV, die vielversprechende TV-Zukunft

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 07.06.2022, 23:44 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 3931x gelesen
Der Konferenzsaal in der Isarpost, dem früheren Postscheckamt unweit des Sendlinger Tores.
Der Konferenzsaal in der Isarpost, dem früheren Postscheckamt unweit des Sendlinger Tores.  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Nach zweijähriger Realabstinenz konnte die Konferenz zum hybriden Fernsehen endlich wieder leibhaftig stattfinden, diesmal in der Isarpost inmitten der Stadt. Dieses Medientage-Special, wie gewohnt von BLM und MEK-Media ausgerichtet, erlebte Ende Mai seine siebte Ausgabe.

Dies zeigt bereits, daß hier ein längerer Weg zurückzulegen ist, die Marktdurchdringung erst erreicht werden muß, oder, wie der Untertitel der Konferenz bekundet, daß es sich um "the future of TV" handelt. Tatsächlich ist erst jetzt etwa die Hälfte der europäischen Fernsehzuschauer über ihr Endgerät mit dem Internet verbunden, wie Richard Broughton von Ampere Analysis in seinem einleitenden Marktüberblick ausführte. Und da spielte auch noch der Nachfrageschub durch die pandemiebedingte Häuslichkeit der letzten zwei Jahre eine Rolle, der zumal der Streaming-Nutzung, technisch gesprochen: den OTT-Diensten, einen enormen Zuwachs bescherte.

Grenzen für CTV

Broughton sprach von durchschnittlich drei Abonnements pro Haushalt, was einen klassischen, linearen Zuschauer doch einigermaßen wundert. Wie soll hier Übersicht gewonnen und behalten werden? Und welchen Bedarf decken diese zusätzlichen Inhalte ab, der nicht von den etwa 80 Kabel- oder hunderten von Satellitenprogrammen abgedeckt würde? Und woher kommt die Zeit, die neuen Inhalte auch noch zu konsumieren? Broughton verhehlte nicht, daß die Angebotsvielfalt den Kunden tatsächlich mehr Mühe bei der Auswahl bereitet, und verwies im übrigen auf eine Zunahme der Sehdauer von 2017 bis 2022 um eine Dreiviertelstunde.

Auffällig und interpretationsbedürftig ist der mittlerweile geänderte Begriff für die neue Distributionsform: man nennt sie nicht mehr Smart-TV, sondern Connected-TV, abgekürzt CTV. Das könnte ein Schritt zu mehr Sachlichkeit sein, könnte aber auch verschleiern, daß auf der anderen Seite der Leitung viel smarte Intelligenz am Werke ist, um an Daten und Aufmerksamkeit des Zuschauers zu kommen. Eine Prognose, wie weit sich die Nutzungsquote für CTV, die selbstverständlich unter der Ausstattungs- oder Anschlußquote liegt, noch wird steigern lassen, haben wir freilich nicht gehört. Man könnte sarkastisch auch fragen: wie weit ist der Weg von der Penetration zur Penetranz?

Oder als Auftrag an Beratungsfirmen formuliert: welche Motive können Nutzer vom Gebrauch des Rückkanals - so hieß das früher - abhalten? Ebenfalls unter den Tisch fiel das durchaus gravierende Problem der gerätebedingten Veraltung der CTV-OS. Wenn schon in der PC-Welt ein monströser Aktualisierungsdruck herrscht - Chrome und Firefox haben mittlerweile dreistellige Versionsnummern -, um wieviel rascher veraltet die Firmware in den Fernsehern, die fast keine Aktualisierungsmöglichkeiten haben. Da werden dann all die schönen neuen "Apps" Makulatur, weil das System nicht die Ressourcen dafür hat.

Neue und alte Frontlinien

Den zweifellos interessantesten Vortrag hielt Dirk Wittenborg von foxxum. Einerseits nahm er die meisten Perspektiven und Selbsteinschätzungen der anderen vortragenden Firmen rigoros auseinander, überführte sie gewissermaßen ihrer Lebenslügen, andererseits operierte sein 80 Jahre Fernsehgeschichte umfassender Aufriß mit weitreichenden, unreflektierten Voraussetzungen.

Seine Behauptung etwa, daß die Wahl des Betriebssystems für CTV eine Frage des Überlebens wäre und das lineare Fernsehen erledigen werde ("kill"), gilt nur so lange, als man die heutige, unregulierte Wildwestszenerie des Kampfes aller Inhalte- und Softwareplattformen gegeneinander als Maßstab (auch für den Nutzer) halten will. Die These erklärt sich offensichtlich auch daraus, daß Foxxum ein CTV-Betriebssystem herstellt.

Für den linearen Fernsehzuschauer bleibt das lineare Fernsehen selbstverständlich erhalten, auch wenn es durch die Gerätehersteller durch ihre proprietären Softwarearchitekturen immer schwerer auffindbar gemacht wird. Daß in dem besagten Kampf eine Marktbereinigung stattfinden wird, etwa zu einem Duopol wie bei PC-Betriebssystemen und bei Smartphone-OS, und daß Marktmacht und Geschäftsmodell entscheiden werden - geschenkt. Welches Logo die Übergriffigkeit schließlich tragen wird, kann dem Nutzer - qua Ohnmacht oder qua eigener Wahl - gleichgültig sein.

Auch Wittenborgs als Beleg für die Attraktivität von CTV gedachte Prognose, daß künftig 100% der Sehdauer über Streaming realisiert werde, ist reines Wunschdenken, dem schon das Beharrungsvermögen der vorhandenen Distributionsnetze Kabel und Satellit entgegensteht. Seine Folie über die Marktanteile der Distribution verglich die nutzerfreundliche europäische Architektur aus kostenlosem Satelliten und preisgünstigem Kabelempfang mit der hoch bepreisten US-Infrastruktur, so wie sie etwa ein aus eigenem monetärem Interesse streaming-affiner Hersteller wie Samsung analysieren zu können meint.

Man müßte denn schon diese nachteilige amerikanische Topologie für erstrebenswert halten, wenn man die europäische für benachteiligt oder "zurückgeblieben" erklären wollte. Daß hierzulande ohnehin ein etwas anderer Maßstab herrscht, hatte bereits zur Eröffnung Dr. Thorsten Schmiege von der veranstaltenden Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, BLM, durchblicken lassen. Nicht ohne Grund sei adressierbare Werbung - der Hauptzweck des internetverbundenen Fernsehers - verboten, und zwar, um die lokalen Inhalteanbieter und ihre Werbekunden zu erhalten.

Weiters seien die Hersteller zur "leichten Auffindbarkeit" der Fernsehprogramme, zumal derjenigen von öffentlichem Wert ("public value") verpflichtet, würden in ihrer kommerziell motivierten Willkür bei der Ausgestaltung der Navigationsarchitektur also gezügelt. Man erinnert sich an dieser Stelle jenes Kampfes, den einst bei Kirchs Einführung der "dbox" für sein Bezahlfernsehen die ARD um ihre Auffindbarkeit geführt hat. An den topologischen Kämpfen hat sich also bis heute nichts geändert.

Allerdings wurde die damalige Frontlinie seinerzeit zum Anlaß, das nichtkommerzielle Betriebssystem (oder Protokoll) HbbTV zu entwickeln, das per se Neutralität und Gleichbehandlung garantiert. Genau aus diesem Grunde wurde es leider kein Erfolg. Sowohl Mirjam Laux vom Plattformbetreiber Roku wie auch Dr. Oliver Friedrich bestätigten dies für ihre Firmen. Soziologisch könnte man hier eine aktuelle Form des sog. Allemende-Dilemmas am Werke sehen, das im übrigen auch die gesamte Smartphone-Architektur prägt.

Dort wird nämlich genau jene Neutralität und Allgemeinverbindlichkeit der Inhaltepräsentation außer Kraft gesetzt, deretwegen in den 90er Jahren das WWW erfunden wurde: jeder Inhalt wird über einen neutralen Browser abgebildet. Statt dessen beansprucht nun jeder Inhalt eine eigene, proprietäre "App" mit eigenen Installations- und Aktualisierungsaufwänden und Handlungsrestriktionen und verlangt spezifische "Berechtigungen".

Diese separatistische Softwarelandschaft bildete in der Konferenz notabene auch die Grundlage für die abschließende Verteilung des "Connect! The Smart TV Award", der für Smart-TV-Apps in drei Kategorien ausgelobt wurde: Bestes Special Interest Angebot Beste User Experience Beste technologische Innovation ("Feels like Magic") Daß Arte in zwei der drei Kategorien gewann, lag an der Möglichkeit der Mehrfachnominierung. Dem Kultursender mit dem hochkarätigen Programm wird man den Preis auch doppelt gönnen, ebenso wie den Sonderpreis, der an Zattoo ging und das spontane Ukraine-Engagement des Aggregators belohnte.

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